An den Gürteln hingen tote Vögel

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Heinz Weingarten

Heinz Weingarten kämpfte in vier Kriegen für Israel – sein Vater David Willy in der k.u.k. Armee für Österreich und den Kaiser. Viele Erinnerungen daran hat der Vater dem Sohn nicht hinterlassen. Das will dieser bei seinen Kindern und Enkeln anders machen. Von Alexia Weiss

Zwei Bilder haben sich in das Gedächtnis von Heinz Weingarten eingebrannt, wenn er an seine wenigen Kindheitsjahre in Wien zurückdenkt: Da waren zum einen diese Männer in weiten Mänteln, die tote Vögel an ihre Gürtel hängten und dann die Mäntel darüber schlossen. Die Familie lebte damals in Hietzing, sie wohnten in der Joseph-Lister-Gasse, gegenüber begann der Wienerwald und es war Winter. Auch die zweite Erinnerung spielte im Schnee und in der nahen Umgebung: „Da gab es einen Hügel, und mein Vater ist mit uns dorthin rodeln gegangen, wir stapften hinauf und fuhren hinunter, immer und immer wieder. Das ist natürlich die bessere Erinnerung. Die erste hat mir viele schlechte Träume beschert.“

„Ein Jude, der zu viel redet und dann auch noch gegen die Deutschen – das war nicht gut.“ Heinz Weingarten

Heinz Weingarten wurde 1931 in Dresden geboren, wo sein Vater Arbeit in der Textilbranche angenommen hatte. Doch 1935 landete er in Dachau. „Sein Pech war, dass er immer zu viel redete. Und ein Jude, der zu viel redet und dann auch noch gegen die Deutschen – das war nicht gut“, erzählt der Sohn, der heute in Australien lebt und dieses Frühjahr auf Einladung des Jewish Welcome Service Wien besuchte. Sein Glück im Unglück: Er war Österreicher und wurde so bald wieder entlassen. „Damals war Dachau ja nur für Deutsche.“

Die Familie – Heinz Weingarten hatte noch einen Bruder – ging nach Wien. Der Vater, David Willy Weingarten, öffnete ein Textilunternehmen in der Praterstraße. Als die Lage auch in Wien für Juden schlechter wurde, zog man privat von der Leopoldstadt nach Hietzing. Dort hat Heinz Weingarten auch von Antisemitismus nichts mitbekommen. Und als es erneut unangenehm wurde, inzwischen war der „Anschluss“ erfolgt, ging die Familie nach Bratislava. „Aber dann holte uns Hitler auch dort ein. Und mein Vater sagte: Diesmal gehen wir wirklich weit weg.“ Die Reise führte auf einem illegalen Transport per Schiff über Budapest und Bulgarien nach Palästina.

„Für uns Kinder war dieser ganze Trip wie eine Abenteuerreise, wir verstanden ja nicht, was vor sich ging, und die Eltern redeten mit uns auch nicht darüber.“ An die Anfangszeit im heutigen Israel kann sich Weingarten noch erinnern: „Das war wirklich hart. Wir sprachen kein Hebräisch und mein Vater fand einige Monate lang keine Arbeit. Bei der Gewerkschaft sagten sie ihm, Jecke, wir brauchen dich hier nicht, warum bist du gekommen?“ Nach und nach spielte sich aber alles ein. Heinz Weingarten, der in Wien mit der Volksschule begonnen und in Bratislava eine deutsche Schule besucht hatte, lernte Hebräisch und ging dann bis zu seinem Abschluss in Tel Aviv zum Unterricht. Er engagierte sich 1947 in der Hagana, der Untergrundarmee, kämpfte später in der israelischen Armee und blieb bis zu seiner neuerlichen Emigration mit seinen beiden eigenen – damals auch schon erwachsenen – Kindern 1977 nach Australien in der Reserve.

Kriegsvorbereitungen. Vater David Willy, in k.u.k. Uniform, war zuerst Österreicher, dann Jude.
Kriegsvorbereitungen. Vater David Willy, in k.u.k. Uniform, war zuerst Österreicher, dann Jude.

Der Armeedienst gab auch den Ausschlag, nochmals ein neues Leben zu beginnen. „Ich hatte genug. Armee und Kämpfen, Armee und Kämpfen. Ich habe in der Textilbranche gearbeitet, im Bereich Maschinen, aber ich wurde immer wieder zurückgeworfen. Alle paar Monate musste man wieder für ein paar Tage zur Armee, und es gab nie Frieden. Und dann habe ich mir gedacht: Vier Kriege, das ist genug. Ich würde gerne einfach mein Leben genießen. Und so gingen wir nach Australien.“

Auch sein Vater hat gekämpft – allerdings in einem anderen Krieg. David Willy Weingarten war 1892 in Stanislau in Galizien zur Welt gekommen. Doch im Alter von 13 Jahren wurde er von seinem Vater nach Wien verbannt. Die Vorgeschichte: „Er hatte eine Auseinandersetzung mit einem Rabbiner, und schließlich ohrfeigte ihn dieser. Und da schlug mein Vater zurück und brach ihm den Ellbogen. Sein Vater war sehr religiös und wütend über dieses Verhalten.“ So wurde der Vater zu einer älteren Schwester geschickt, die nach Wien geheiratet hatte. Der Schwager hatte ein Textilgeschäft, hier begann er zu arbeiten.

War zuerst Österreicher – und dann erst Jude. Später war er stolz, Soldat der k.u.k. Armee zu sein. „Mein Vater mochte die Monarchie, mochte Kaiser Franz Joseph. Er war zuerst Österreicher – und dann erst Jude.“ Weingarten diente sich hoch, war schließlich Zugführer. Seine Einheit: das Infanterie-Regiment Hoch- und Deutschmeister Nr. 58. Sein großes Vorbild in der Familie: Joseph Freiherr von Weingarten, er war Hofkanzler unter Kaiser Ferdinand I. „Er hat sich gemeinsam mit anderen für die Pressefreiheit eingesetzt und war sozusagen der Edelstein in unserer Familienkrone. Und mein Vater wollte ihm nacheifern, diese Tradition fortführen.“

Und so kämpfte er schließlich im Ersten Weltkrieg, zunächst in Italien, dann in Rumänien, wurde verwundet. „Ein Granatsplitter hatte einen Teil seines Fußes zerstört. Zwei Jahre verbrachte er in einem Spital in Siebenbürgen. Dennoch blieb er ab da invalid.“ Viel hat der Sohn mit dem Vater nicht über diesen Krieg gesprochen. Und auch später nicht über die Flucht vor den Nazis. Es zählte vor allem der Moment. Und in Israel angekommen, bemühte sich die Familie, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Hebräisch wurde zur Familiensprache. Deutsch war nicht erwünscht.

So spricht Heinz Weingarten, obwohl er seine Schulausbildung in Wien begann, heute kaum mehr Deutsch. „Wenn man nicht dazu kommt, es zu sprechen, verlernt man es.“ Hebräisch und Englisch wurden zu seinen Sprachen. Ähnlich verhält es sich, wenn man Weingarten nach seiner Heimat fragt. „Ich bin Australier. Und meine Wurzeln sind in Israel.“ Für Österreich hat er keine Gefühle, sagt er, obwohl er inzwischen auch die österreichische Staatsbürgerschaft – neben der australischen – wieder angenommen hat. Im Zuge seines Wien-Besuchs erkundigte er sich auch über die Möglichkeit, dass seine Kinder einen österreichischen Pass bekommen. „Nur für den Fall, dass wieder schlimme Zeiten kommen.“ Man weiß ja nie.

Das steht ein bisschen im Widerspruch zu der Heiterkeit, die Weingarten während des Gesprächs bei ESRA, das die Emigranten während ihrer Wien-Woche zur individuellen Beratung über Gestenzahlungen und soziale Hilfen durch die Republik lud, ausstrahlte. „Ja, heute geht es mir gut“, stimmt er zu. Seitdem er in Australien neu gestartet habe, genieße er das Leben. Einmal im Jahr mache er mit seiner Frau eine Kreuzfahrt, und jeden Samstag kommen die Kinder und Enkel zu Besuch und es gibt ein Barbecue.

Dennoch will Weingarten einst nicht von dieser Welt gehen, ohne seiner Familie seine Erinnerungen zu hinterlassen. Wenn er erzähle, werde er allerdings rasch müde. Und so rede er nun von Zeit zu Zeit mit seinem Sohn und erzähle und erzähle, und dieser nehme das alles mit der Kamera auf. „44 oder 45 Kapiteln haben wir schon, jeweils rund eine Stunde lang. Wenn sie sich das alles eines Tages anschauen wollen – fein. Wenn nicht, ist es auch in Ordnung. Aber ich gebe ihnen die Möglichkeit.“ ◗

Bilder: © Ron Malaev;    © privat

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