Budapester Gemeindehaus Auróra: „Wir haben uns fürs Politische entschieden“

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Von Silviu Mihai

Das jüngste Projekt einer Gruppe engagierter ungarischer Juden setzt auf Kultur, demokratischen Dialog und gesellschaftliche Kritik – bisher mit erstaunlichem Erfolg.

Budapest – Fast jeden Abend spielen mehr oder weniger bekannte Bands, meistens Jazz, aber auch Hip-Hop oder Disco. Tagsüber gibt es günstige Mittagsmenüs und diverse Veranstaltungen, die ein buntes, modernes Publikum anziehen, von Theaterstücken bis hin zu Vernetzungstreffen. Seit ein paar Jahren ist das jüdische Gemeindehaus Auróra in der ungarischen Hauptstadt ein Begriff geworden, und zwar weit über die Grenzen der jüdischen Gemeinde hinaus. So sollte es auch sein, man müsse ja immer in einem produktiven Dialog mit den anderen bleiben, glaubt Ádám Schönberger, der Hauptinitiator des Projekts. So vertrete man seine Kultur und seine Werte am besten: indem man sich mit zeitgenössischen Themen permanent und offen auseinandersetzt, ohne Angst zu haben, dass es zu umstritten werden könnte.

„Im Judentum, wie wir es verstehen,
geht es ja um das Ideal einer
gerechten Gesellschaft.“
– Ádám Schönberger

Purimfest. Gemeinsames Feiern steht von Beginn an im Zentrum des Vereins.

Gerade vor diesem Hintergrund müsste man genau schauen, wo man eigentlich stehen möchte, glaubt der 37-jährige Schönberger. „Wir haben uns bewusst fürs Politische entschieden, nachdem alles um uns politisch geworden war.“ Gewissermaßen entspricht diese selbstbewusste Einstellung auch seiner untypischen Biografie. Als Sohn eines Budapester Rabbiners in einer religiösen Familie aufgewachsen, hat der junge Mann erst während seines Studiums der Theatergeschichte und Philologie die ersten Kontakte mit der nicht-jüdischen Welt gehabt. Anders als die meisten ungarischen Juden in seinem Alter entdeckte er mit 19 nicht seine eigene Identität, sondern den anderen, und damit auch gleich den Antisemitismus und Rassismus der Mainstream-Gesellschaft. „Plötzlich habe ich verstanden, dass ich bisher in einer Art Blase gelebt hatte. Es war für mich ein sehr beängstigendes Erlebnis.“

Politisches Engagement Schönberger gründete dann mit einigen Freunden den kleinen Verein MAROM, der ein jüdisches Kulturfestival für jüngere, alternative Menschen organisierte, und beschloss, dafür auch außerhalb der jüdischen Gemeinden in den allgemeinen Programmmagazinen der Zeit zu werben. Seitdem ging es Schlag auf Schlag: jüdische Theatergruppen, Konzerte, Hanukkah-Partys in Szenekneipen. Es waren die guten Jahre rund um den EU-Beitritt Ungarns, als die Wirtschaft boomte, das Land sich schnell öffnete und zahlreiche Besucher aus aller Welt anzog. Jeder, der diese Zeit in Budapest mit erlebte, hatte das Gefühl, dass die Geister der Vergangenheit so gut wie besiegt sind. Die Kulturszene und die Zivilgesellschaft florierten, und die ungarische Hauptstadt verdiente sich rasch ein Renommee für Kosmopolitismus und gute Laune.

Kurz darauf kam allerdings die Wirtschaftskrise, das Geld für Projekte wurde knapp. Mit dem Erdrutschsieg von Viktor Orbán war der Spaß 2010 endgültig vorbei. Das Gemeinde- und Kulturzentrum Sirály, wo MAROM seine Veranstaltungen und Treffen sechs Jahre lang organisiert hatte, musste 2012 auf Druck der Kommunalverwaltung geräumt werden, obwohl es damals als wichtiger Treffpunkt für viele progressive jüdische wie nicht-jüdische Ungarn galt. „Die Räumung war ein schwerer Schlag für uns“, erinnert sich Schönberger. „Sie hat uns in eine ganz neue Situation versetzt, in der es klar war, dass die Dinge nicht mehr so wie bisher laufen konnten. Und sie hat uns praktisch vor die Wahl zwischen einer vermeintlichen Neutralität und dem politischen Engagement gestellt. Wir haben uns dann für Letzteres entschieden.“

Brücken bauen ist im heutigen
Ungarn ungern gesehen und
nur noch selten praktiziert.

Die Krise ist mittlerweile überstanden. 2014 fand Schönbergers Verein nach langer Suche ein neues sichereres Zuhause, das Auróra, wo die Projekte nicht mehr von der Willkür der Behörden abhängig sind. Die Räumlichkeiten wurden aus einmaligen Finanzierungen saniert, seitdem decken die Einnahmen aus dem Café-Betrieb fast die gesamten Kosten aller Kulturveranstaltungen. Einmal im Jahr, Mitte Juli, organisiert MAROM immer noch das sehr erfolgreiche Bánkító-Festival für junge jüdische Kultur, das mittlerweile auch international bekannt geworden ist. „Wir möchten unabhängig bleiben, damit wir unserem Engagement gerecht werden können“, sagt Schönberger.

Heute bietet das Auróra übrigens vielmehr als eine nette und entspannte Location für moderne urbane Kultur. Das Gemeindezentrum funktioniert darüber hinaus als idealer Vernetzungsraum der jungen NGO-Szene in Budapest. Das Roma-Pressezentrum, die Migszol-Initiative für die Rechte von Flüchtlingen und Migranten und der schwullesbische Verein, der den Budapester CSD organisiert, gehören zu den Stammnutzern der Räumlichkeiten. „Diese Öffnung gegenüber anderen nicht-jüdischen Organisationen ist Programm“, erklärt Schönberger. „Damit wollen wir zum einen die ungarische Zivilgesellschaft stärken und Koalitionen um gemeinsame demokratische und liberale Werte bilden. Zum anderen ist dies letztendlich auch im Sinne unserer jüdischen Identität. Denn im Judentum, wie wir es verstehen, geht es ja um das Ideal einer gerechten Gesellschaft.“

 

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Bilder: © László Mudra, Budapest; Zoltán Adrián, Budapest

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