„Das Virus sollte Anlass geben, über Gerechtigkeit zu denken.“

Pianist, Komponist, Dirigent, Dozent: Als Sohn des Pianisten Friedrich Gulda und der Schauspielerin Paola Loew, die auch mit dem Schriftsteller Friedrich Torberg eine Beziehung führte, war Paul Gulda bereits in jungen Jahren von den schönen Künsten umgeben.

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© Ronnie Niedermeyer

WINA: Ihre Mutter hatte ein turbulentes Leben. Geboren in Italien, verbrachte sie die Kriegsjahre in Argentinien und lernte dort Ihren Vater kennen. In Wien spielte sie in Filmen, am Volks- wie auch am Burgtheater. Naheliegend ist, dass Sie als Musiker von Ihrem Vater stark geprägt wurden. Inwieweit wurde Ihr Schaffen auch von Ihrer Mutter beeinflusst?
Paul Gulda: Stark. Ich war bei der Scheidung der Eltern vier Jahre alt, und wer zuhause Klavier spielte, das war sie, die in ihrer Jugend von einer Bartók-Schülerin erstklassigen Unterricht bekommen hatte. Sie war es, mit der ich dann erste Erfahrungen im Ensemblespiel sammelte; wir haben uns vierhändig durch Symphonien gebüffelt; ich spielte Klarinette, sie den schweren Klavierpart einer Brahms-Sonate, ich barocke Flötensonaten, sie Continuo. Unsere besten Stunden zusammen. Meine Affinität zu Theatermusik – ich habe das ab 1995 mit Freude einige Male verantwortet – stammt von dort, und ihre große Bibliothek begleitete mich damals und tut es noch heute. Wenn ich heute komponiere, dann meist Gedichtvertonungen – die Liebe zu den vielen Sprachen (eine polyglotte Gesellschaft waren wir) ist mir geblieben. Auf einer tieferen Ebene noch: Da war ein ewiges Streben bei meiner Mutter in Sachen Musik – das habe ich auch. Vater dagegen: Es war zwar nicht so, aber es schien ihm alles in den Schoß gefallen zu sein.

Welche Rolle spielte daheim das Judentum? Welche Rolle spielt das Judentum in Ihrem heutigen Leben und Ihrer Arbeit?
Hier ist gleich Friedrich Torberg zu nennen, der Lebenspartner meiner Mutter nach der Scheidung. Mit ihm wurde Judentum bewusst wahrgenommen – mein Großvater Loew war dagegen sehr säkular. Religiös ist Mami nicht geworden, aber, wie Torberg, gesellschaftlich dezidiert jüdisch. Heute speist sich meine Spiritualität aus diversen Quellen; darunter auch dem Judentum. Als Musiker lege ich seit 30 Jahren ein Augenmerk auf jüdische Komponisten, oft auch verknüpft mit Literatur. 2018 habe ich ein Gedicht von Jehuda Amichai in Iwrit vertont. Das war kurz nach einer Schönberg-Phase, beides zusammen hat die Erfindung in ganz neue Richtungen gelenkt; ein Nigun wird auch zitiert. Und mit Shmuel Barzilai bin ich oft aufgetreten – Opas Großvater war übrigens Chasan in Oradea/Nagyvárad. Sehr gern spiele ich für Centropa oder im Maimonides. Dieses Publikum saugt die Musik förmlich auf! Und eine CD mit der israelischen Sängerin Shira Karmon ist in Vorbereitung. Da ist das Jüdische zentral, aber Beethoven und Mozart desgleichen.

»,Vienna waits for you‘, singt Billy Joel –
er weiß, warum.«

Ab dem 15. Lebensjahr wurde Ihr Vater zu Ihrem Klavierlehrer. Wie haben Sie das damals als Teenager empfunden?
Es war sehr ehrenvoll, dass er das ernst nahm, aber auch (über)fordernd. Denn bis dahin war die Methodik meines Unterrichts schwach. Als Musiker konnte man von Friedrich Gulda so viel lernen – als Pianist sehr wenig. Er hatte Basisprobleme längst hinter sich gelassen, konnte sie auch nicht lösen. Er hat auch ganz vehement die Beschäftigung mit Jazz gefordert – was in seiner Jugend, nach der NS-Diktatur, enorm wichtig war. Für mich war das ein wenig Zwangsbeglückung. Aber ich bin natürlich froh, dass ich improvisieren kann. Das müsste tatsächlich viel mehr in die Studiengänge einfließen. Nicht wegen Jazz per se, sondern wegen der musikalischen Eigenkreativität.

„Musikstadt Wien“: Wie wahr ist dieses Klischee heute?
Aus meiner Sicht: kein Klischee. Die Dichte an Konzerten, Ausbildung, kreativen Köpfen sucht immer noch Ihresgleichen, finde ich. Nennen wir auch ruhig den Faktor Wertschöpfung – es ist ein Markenzeichen der Stadt, ein Magnet. Ich wohne in Döbling, unweit der Beethoven-Häuser. Das Fluidum ist immer noch da; die Sprache, die Gassen, die Lokale. „Vienna waits for you“, singt Billy Joel. Er weiß, warum.

Aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen rund um das Coronavirus wurden zahlreiche Konzerte abgesagt. Wie gehen Sie und andere Musiker damit um?
Bei den Musikern ist es so wie überall: Die in abgesicherter Stellung haben plötzlich viel freie Zeit bei vollem Bezug. Die freien Künstler wie ich dürfen Formulare ausfüllen. Und wer denkt an die sozial ganz Schwachen, an Asylwerber, Flüchtlinge? Das sollte der Anlass sein, über gerechtere soziale Lösungen nachzudenken. Modelle gibt es, z. B. in Belgien. Und/oder gleich ein bescheidenes Grundeinkommen für alle.

Angenommen, Budget und Publikumsinteresse wären kein Thema: Welches Projekt würden Sie verwirklichen?
Mich interessiert das ganze weite Feld. Ich habe schon viele ungewöhnliche Projekte realisiert und war immer zuversichtlich, dass es Publikum findet. Und wenn nicht – mach ich’s für mich. Wenn Sie mir etwas schenken wollen, dann wünschen Sie mir bis 120, damit mir genug Zeit bleibt, neugierig und schöpferisch zu sein. Wenn ich einmal sagen kann, ich habe die Menschen etwas gelehrt, aber noch viel mehr bewegt – dann bin ich glücklich.

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