Die Sprache der Architektin

Vera Korab saniert mit ihrem Architekturbüro Gemeindebauten und Dachböden von Bauträgern. Dabei wäre sie um ein Haar Juristin geworden.

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Power-Team: Mutter und Sohn. Gemeinsam im eigenen Wiener Büro. Von hier aus wird geplant, gebaut, gekauft und verkauft. © Reinhard Engel

Am Anfang stand eine hochpolitische Entscheidung: „Eigentlich habe ich mich immer für Jus interessiert. Aber ich wollte nichts studieren, wo ich von der Sprache abhängig bin, also ist es Architektur geworden.” In der Familie von Vera Korab gab es zwar keine Vorbilder fürs Bauen und Entwerfen. Ihr Vater war Geschäftsmann gewesen und hatte in Rumänien eine Kartonagenfabrik besessen, ihre Mutter war Schneiderin. Aber die Flucht der Eltern vor den Nationalsozialisten sollte auch ihr Leben prägen und sie zu ihrem heutigen Beruf bewegen. Das Wissen einer Architektin ist im Kopf, und es ist nicht nur in einer einzigen Sprache anwendbar.

Doch Korab, geboren 1961, ist in Wien geblieben. Auch den akademischen Abstecher an das Technion in Haifa, den sie sich gerne gewünscht hätte, ließ sie bleiben, weil ihr Vater schon älter war und sie sich um ihn kümmern wollte. Also inskribierte sie an der TU Wien und verdiente schon ab dem Alter von 19 Jahren ihr eigenes Geld: „Ich habe acht Jahre studiert – und auch gleichzeitig acht Jahre gearbeitet. Deshalb habe ich auch nur wenige Vorlesungen hören können, musste mir meist die Skripten besorgen und zuhause lernen.” Der Grund dafür: Ganz am Beginn ihrer akademischen Ausbildung hatte sie einen Statiker kennen gelernt, der sie in sein Büro aufnahm und ihr sehr schnell eigene verantwortliche Aufgaben übertrug. „Da habe ich sicher mehr gelernt als im Studium. Und ich sehe das heute, bei den Jungen, dass sie oft eher ein abgehobenes Wissen haben.”

Gefragt nach konkreten Beispielen für ihren damaligen Job, erinnert sich die Diplomingenieurin an ihren Beitrag zum U-Bahn-Bau unter der Mariahilfer Straße. Dabei musste sie entlang der Strecke zur Beweissicherung für eventuell später reklamierte Schäden sämtliche Häuser und Wohnungen abklappern und dokumentieren. Sie weiß noch, dass sie oft schon müde war, als die Studenten in den WGs des Bezirks gerade am Aufstehen waren.

Netzwerken nicht nur im Job, sondern auch privat:
von der ARGE Wirtschaftsfrauen zum
jüdischen Frauennetzwerk.

Mit dieser praktischen Arbeit lernte sie auch einen später wichtigen Kunden kennen: Wiener Wohnen. Sie gründete 1991 ein Ein-Frauen-Büro und bewarb sich um diverse Aufträge. Anfang der 2000er-Jahre gewann sie unmittelbar hintereinander gleich vier davon für größere Projekte. Dafür musste sie ihre Gesellschaftsform anpassen, sie gründete eine GmbH und stellte Personal ein. Heute beschäftigt sie 13 Frauen und Männer und kann eine bunte Palette von Architekturleistungen anbieten.

Wiener Wohnen gehört immer noch zu den Kunden. Für die Stadt Wien führt sie dabei die unterschiedlichsten Sanierungen und Ausbauten durch. „Das sind Sanierungen im größeren Maßstab”, erklärt sie, „wir machen fast nie den Umbau einzelner Wohnungen, eventuell die Planung.” Es können etwa ganze Gemeindebauten sein, die das Büro Korab modernisiert und auf den neusten Stand bringt, inklusive Erweiterung um zusätzliche Dachgeschosse, Lifteinbau und thermische Verbesserung.

Auch so genannte Sockelsanierungen hat sie immer wieder durchgeführt. Dabei bleiben die Mieter während der Arbeiten in den Bauten wohnen, brauchen aber entsprechende Betreuung – zur Information und auch als Anlaufstelle für Beschwerden. Dazu ordiniert das Architekturbüro zu bestimmten Zeiten in einer Wohnung vor Ort und ist durch diese Sprechstunden auch immer im engen Kontakt mit den späteren Nutzern der Arbeiten.

Ähnliche Aufträge übernimmt Korab für private Bauträger, die Gründerzeithäuser kaufen und dann herrichten, wiederum Dachausbauten inklusive. Zwischenzeitlich ist sie auch selbst zum Bauträger geworden, hat in Wien-Stadlau eine Lückenverbauung durchgeführt, einen Großteil der Wohnungen verkauft und zwei Terrassentops als eigenes Büro behalten.

Mutter & Sohn. Für den Verkauf dieser Wohnungen ist auch ihr Sohn Ruben aus Israel nach Wien zurückgekommen. Er hatte an der internationalen Universität IDC in Herzliya Politikwissenschaften und Terrorismusbekämpfung studiert und anschließend in Tel Aviv als Immobilienberater gearbeitet, sich in dieser Branche auch selbstständig gemacht. „Nach acht Jahren wollte ich wieder nach Wien zurück, und die Vermarktung der Wohnungen war ein guter Anlass dafür.”

Heute betreut Ruben, Jahrgang 1987, in der Firma seiner Mutter die Websites, macht Public Relations und hat sich darüber hinaus auf die Erstellung von Energieausweisen spezialisiert. Sie ähneln jenen Farbenskalen, die bei Elektrogeräten den Stromverbrauch anzeigen. Und solche Energieausweise sind inzwischen Pflicht geworden – diese brauchen heute Verkäufer von Immobilien wie Vermieter. Ruben hat sich einige Erleichterungen einfallen lassen, wie man diese Ausweise unbürokratisch und rasch – zum Großteil über das Web – abwickeln kann.

Auch Vera Korab macht neben ihren eigenen Sanierungen und Planungen regelmäßig diverse Schätz- oder Nutzwertgutachten für Eigentumswechsel wie für Parifizierungen. „Da ist ein bisschen mein altes Interesse für ein Jusstudium durchgekommen, weil hier geht es immer wieder auch um rechtliche Fragen.”

Auf einem ganz anderen Gebiet hat sich die Architektin unter den jüdischen Frauen einen Namen gemacht. Sie gründete das jüdische Frauennetzwerk. „Ich war schon bei der Arge Wirtschaftsfrauen und habe mir das als Vorbild genommen.” Als größten Erfolg sieht sie an, dass das Frauennetzwerk die Töchter ehemaliger Kommunisten, die den jüdischen Institutionen fern standen, erstmals in Kontakt mit Frauen in der IKG gebracht hatte. Und es gab auch praktische Vorteile: „Einmal habe ich einen Autoschlüssel in Israel vergessen, ich habe es ins Netz gestellt. Zwei Tage später hat ihn mir jemand mitgebracht.” 

 

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