Freude an Zahlen

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Anita Schnarch ist Steuerberaterin in Wien mit einer bunten Klientel. Diese reicht von Einzelpersonen bis zu Konzerntöchtern. Text und Foto: Reinhard Engel   

Unsere Eltern wollten unbedingt, dass wir etwas lernen. Wir vier Kinder haben alle studiert, und alle sind in ihren Berufen erfolgreich.“ Eine Schwester besitzt eine Eventagentur in Berlin, eine ist Finanzchefin der Lufthansa in Tel Aviv, der Bruder künstlerischer Fotograf in München. Anita Schnarch betreut als Chefin einer 20-Mitarbeiter-Steuerberatungskanzlei einen Kundenstock von ca. 1.000 Steuernummern. Ihr weitläufiges, lichtdurchflutetes Büro im dritten Wiener Bezirk diente einst dem Bauunternehmen Teerag-Asdag als Zentrale, davor dürfte das elegante Bürgerhaus aus der Jahrhundertwende wohlhabende Mieter beherbergt haben.

„Dass ich Steuerberaterin werde, habe ich nicht vorhergesehen.“ Anita Schnarch

„Dass ich Steuerberaterin werde, habe ich nicht vorhergesehen“, erzählt Schnarch. „Mein Vater hat gesagt, für eine Frau, die Arbeit und Familie vereinbaren will, wäre es ein guter Beruf, so wie Zahnärztin. Und für Zahlen habe ich mich immer interessiert, für Mathematik und für geschäftliche Zahlen.“ Etwas davon mitbekommen hat sie schon zu Hause, der Vater betrieb eine Wechselstube, erst in Wien, dann, ehe er vor zwei Jahren in Pension ging, am Münchner Hauptbahnhof. „Und wir Kinder haben natürlich mitgeholfen.“

Geboren wurde Anita Schvarcz in Wien – der Name deutet auf ungarische Vorfahren. Als sie zehn Jahre alt war, zog die Familie nach München. „Ich bin dort ins Gymnasium gegangen, aber so richtig heimisch geworden bin ich nicht, ich wollte immer nach Israel.“ Mit 16 durfte sie dann, sie besuchte ein religiöses Mädchenpensionat mit hohem Schulniveau in der Nähe von Hadera: Ulpena Kfar Pines. Anschließend studierte sie drei Jahre lang Betriebswirtschaft an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan. Doch dann warf Michael, ihr heutiger Mann, die Pläne durcheinander.

Familie & Beruf
Anita Schnarch im Kreise ihrer Familie
Anita Schnarch im Kreise ihrer Familie

Die beiden lernten einander auf einer Hochzeit gemeinsamer Freunde in Berlin kennen, bald wurde geheiratet, und während Michael sein Studium schon beendet hatte und begann, als Banker und Osthändler zu arbeiten, musste die junge Mutter Anita ihres erst an der WU abschließen. Es folgten ein zweites Kind und sechs lange Jahre als Berufsanwärterin in einer Steuerberatungskanzlei, erst in Klosterneuburg, dann in Wien. Anita Schnarch: „Das sind normalerweise drei Jahre, aber ich wollte ja nur halbtags arbeiten. Ich habe es gut getroffen, in einer kleinen Kanzlei, in der man viel lernt, aus den unterschiedlichsten Bereichen. Ganz anders als in einem großen Büro, wo man eventuell immer nur dasselbe Spezialgebiet bearbeitet.“

Schon bald nachdem sie ihre Prüfungen absolviert hatte, ergab sich eine erste Möglichkeit einer Kanzleipartnerschaft. „Ich habe damals kein Kapital gehabt, deshalb ist sich ein kleiner Anteil ausgegangen“, erzählt sie. Doch sie sollte zielstrebig und durchsetzungsfähig sein, mehrmals konnte sie ihre Anteile erhöhen, ebenso die Mitarbeiterzahlen, zusätzliche Klientenstöcke zukaufen, auch neue Partnerschaften eingehen. Schließlich ist sie heute 100-Prozent-Eigentümerin einer Kanzlei mit 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ein ehemaliger Partner blieb als zweiter Geschäftsführer. Unter den Steuerberatungskanzleien, die einer einzelnen Person gehören, zählt ihre ASKG zu den größten.

„Wir haben etwa 1.000 Vollmachten, aber das allein sagt noch nichts aus“, erklärt Schnarch. „Das kann ein Ein-Mann-Handwerksbetrieb sein oder die Österreich-Tochter eines internationalen Konzerns.“ Für 2.000 Beschäftigte unterschiedlicher Firmen führt ihre Kanzlei jedes Monat die Lohnabrechnung durch. Etwa ein Drittel bis die Hälfte der Klienten wird in irgendeiner Weise grenzüberschreitend betreut. Da finden sich Handelsunternehmen aus Deutschland oder der Schweiz, Baufirmen aus Ungarn oder Polen, ebenso IT-Unternehmen wie Franchise-Ketten aus Israel. Die Website von ASKG weist sprachkundige Mitarbeiter in Ungarisch, Russisch, Polnisch und Hebräisch aus.

Die Kundenskala ist vielfältig und bunt. Erst einmal gibt es die Professionisten aller Ausprägungen. „Wann immer wir selbst jemanden brauchen, finden wir die Qualifikation bei unseren Klienten.“ Dann folgen die Branchen Handel, Bau, Immobilien und Finanzen, bis es schließlich in die kreativen Fächer geht: Darunter sind Schauspieler und Politiker, Freiberufler und ganze Theater. Und auch Topmanager oder Privatiers betreut ASKG bei ihren privaten Steuerangelegenheiten. „40-Stunden-Woche geht sich bei mir natürlich keine aus, denn wir arbeiten immer mit Deadlines.“ Aber Anita Schnarch liebt ihre Arbeit, sowohl an den nüchternen Zahlen als auch im direkten Umgang mit den Kunden.

Gefragt, ob sie als jüdische Steuerberaterin besonders viel jüdische Klienten betreut, sagt sie: „Es gibt solche, die zu mir kommen, weil sie mich kennen, aber auch solche, die nicht kommen, weil sie mich privat kennen. Das ist ähnlich wie mit dem Gynäkologen: Geht man zu einem Bekannten oder nicht? Und Geld ist mindestens so intim.“ Doch Vertraulichkeit sei das oberste Prinzip, und „Privates und Berufliches werden strikt getrennt.“

Was das Lernen als Lebensprinzip angeht, so endet das nie, weiß Anita Schnarch genau. Nicht nur finden in ihrer Kanzlei ständig Fortbildungskurse statt. Auch ihr Mann hat als 40-Jähriger noch ein zweites Studium – Jus – in Rekordzeit absolviert und ist jetzt mit viel Engagement Rechtsanwalt mit Spezialgebiet Strafrecht. Ihre beiden Kinder haben in England studiert und wollten mit dem Beruf der Mutter eigentlich nichts zu tun haben. Doch die Dinge ändern sich. Die Tochter Sharon arbeitet mittlerweile für Deloitte in Israel. Der Sohn Emanuel hat nach Jahren als Bankangestellter im Ausland inzwischen bei ASKG angeheuert und tritt jetzt in ihre Fußstapfen.

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