„Historisches Bewusstsein und die Fähigkeit zuzuhören“

Ab Herbst wird Hannah Liko österreichische Botschafterin in Tel Aviv. Die promovierte Archäologin arbeitete unter anderem bei den Vereinten Nationen und im österreichischen Kulturforum in New York. Zuletzt leitete sie die Sicherheitsabteilung des Außenministeriums.

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© Ronnie Niedermeyer

WINA: Archäologie, Menschenrechte, Kultur, Sicherheit: Ihr Werdegang besteht aus sehr unterschiedlichen Themenbereichen, die aber in Ihrer bevorstehenden Rolle allesamt höchst relevant sind …
Hannah Liko: Drei Bereiche werden mir sicherlich besonders wichtig sein: der akademische Austausch, die wirtschaftlichen Beziehungen und die kulturellen Aktivitäten. In diesen Bereichen gab es gute Zuwächse in den letzten Jahren, es gibt aber auch Raum, hier noch mehr Akzente zu setzen. Das Allerwichtigste ist, den direkten Kontakt zwischen den Menschen zu fördern: Junge Menschen, die einige Zeit lang die jeweils andere Lebenssituation kennenlernen, werden zeit ihres Lebens die besten und nachhaltigsten Botschafter zwischen unseren Ländern sein. Da gibt es mittlerweile schon viele Möglichkeiten für einen längeren Aufenthalt: Studentenaustausch, das österreich-israelische Working Holiday Programme, unsere Gedenkdiener und Freiwilligen … Im Moment beschäftige ich mich übrigens spezifisch mit Cybersicherheit – ein Thema, bei dem wir von Israel viel lernen können. Dass wir an der Botschaft gerade ein Technologiebüro eröffnet haben, passt da wunderbar dazu.

»Nicht nur die Verhandlungsposition
gilt es zu verstehen, sondern auch
die Beweggründe dahinter.«

Als Archäologin haben Sie unter anderem an den Ausgrabungen in Ephesos mitgearbeitet. Der Nahe Osten ist eine wahre Fundgrube an archäologischen Schätzen. Werden Sie auch als Botschafterin die eine oder andere Grabungsstätte besuchen?
❙ Selbstverständlich, auf das freue ich mich natürlich besonders. Meine allererste Reise nach Israel war im Rahmen einer archäologischen Exkursion der Universität Wien, ich kenne daher schon einige Ausgrabungsstätten. Und ich habe auch schon mit jenen österreichischen Archäologen Kontakt aufgenommen, die in Israel – in Tel Lachisch – in einer Kooperation mit der Hebrew University forschen, die werde ich sicherlich besuchen. Das ist das erste österreichische Ausgrabungsprojekt in Israel seit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948. Sicherlich werde ich auch das Israel Museum besuchen, wo es übrigens mit dem eindrucksvollen „Shrine of the Book“ durch den Architekten Friedrich Kiesler einen Österreichbezug gibt.

Welche Formen der Zusammenarbeit mit Palästinenserinnen und Palästinensern sind für eine diplomatische Gesandte in Israel möglich?
❙ Das österreichische Außenministerium vergibt zum Beispiel jährlich den Intercultural Achievement Award, letztes Jahr wurde das Projekt Points of View from Jerusalem ausgezeichnet. Das ist eine mehrsprachige (Hebräisch, Englisch, Arabisch) Nachrichtenonlineplattform, über die unterschiedliche Neighbourhoods in Jerusalem, die ansonsten keinen Kontakt hätten, in Verbindung treten können. Wir werden sicherlich weiterhin den Kontakt zu solchen Initiativen suchen. Österreich hat auch ein Büro in Ramallah, das seit Kurzem von Astrid Wein geleitet wird; ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit ihr.

Welche besondere Erfahrungen und Eigenschaften verlangt der diplomatische Außendienst in Israel im Vergleich zu dem in anderen Staaten?
❙ Verhandlungsgeschick und historisches Bewusstsein, Neugier auf Neues und die Fähigkeit zuzuhören, sind ein paar Dinge, die mir hier spontan einfallen. Ich erinnere mich dazu auch an ein paar Erfahrungen während meiner bisherigen Laufbahn, die für meine künftige Aufgabe nützlich sind: Bei Verhandlungen im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in New York – ich war Teil des Teams während Österreichs Mitgliedschaft im Sicherheitsrat – ist es das Um und Auf, nicht nur die Verhandlungsposition, sondern auch die Beweggründe hinter dieser Position zu verstehen, um zu einem guten Verhandlungsergebnis zu kommen. Man muss sich Zeit nehmen, recherchieren und wie gesagt gut zuhören, um hier erfolgreich zu sein, das werde ich auch in Israel brauchen können. Im Kulturforum in New York wiederum haben wir ein zeitgemäßes Österreichbild vermittelt – aber gleichzeitig auch Veranstaltungen organisiert, die die historische Verantwortung Österreichs für Nazi-Verbrechen zum Thema hatten. Außerdem lerne ich gerne Sprachen – und nachdem ich Englisch nicht mehr lernen brauchte, habe ich in New York begonnen, Hebräisch zu lernen.

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