„In Israel hatten wir Narrenfreiheit“

Martha Butbul, weithin als Jazz Gitti bekannt, ist Schlagersängerin und Entertainerin. In den 1980er-Jahren avancierte sie durch ihre Auftritte mit der Band Drahdiwaberl zur Kultfigur, daraufhin startete sie mit den Discokillers ihre Solokarriere. Butbul lebte von 1962 bis 1971 in Haifa, wo auch ihre Tochter Shlomit geboren wurde.

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© Ronnie Niedermeyer

WINA: Deine Mutter war jüdisch – inwieweit hast du als Kind die jüdischen Feiertage miterlebt?
Jazz Gitti: Wir haben zu Pessach Matzen gegessen, aber ansonsten hatte ich nicht wirklich eine jüdische Erziehung. Meine Mutter hat mir anfangs nicht einmal gesagt, dass wir Juden sind. Die Angst ist den Leuten damals immer noch im G’nack gesessen. Mein Judentum habe ich dann erst in Israel entdeckt. Und als ich dort gelebt habe, habe ich aus Kawod [Ehre und Respekt, Anm. d. Red.] vor meiner Schwiegermutter alles gemacht und eingehalten. Aber das ist schon lange her.

Die Mutter deines marokkanischstämmigen Mannes lebte also offenbar traditionell?
❙ Ja, und ein herzensguter Mensch war sie! Ich wollte, dass sie bei mir isst, also habe ich einen koscheren Haushalt geführt. Das habe ich gerne gemacht, obwohl ich mich mit dem ganzen Regelwerk nie identifiziert habe. Ich finde es schön, Traditionen zu pflegen – auch, wenn man Kinder hat und diese Traditionen weitergeben will.

Das heißt, als deine Tochter auf die Welt kam …
❙ Wir haben alle Feiertage gefeiert. Meine Schwiegermutter war ja geschieden und hatte einen neuen Ehemann. Als Shlomit auf die Welt kam, hat er eine große Feier für sie organisiert. Er war für sie ein wunderbarer „Saba“ [Großvater, Anm. d. Red.]. Sie sind gemeinsam zum „Shuk“, zum Markt gegangen, Shlomit hatte einen Hut und eine winzige Einkaufstasche. Wenn Saba etwas gekauft hat, hat sie das Gleiche gekauft und in ihr Täschchen gelegt. Sie war sehr glücklich dort. Auch heute pflegt sie noch den Kontakt zu den Verwandten.

Du bist ja schon mit knapp achtzehn Jahren nach Israel gezogen. Hast du das „Heilige Land“ jemals als Heimat empfunden?
❙ Ich habe dort schöne Zeiten verbracht und wollte bleiben. In den 1960er-Jahren war das ein Land für junge Leute, wir hatten Narrenfreiheit. Aber ich habe auch den Blues kennengelernt und schwere Zeiten erlebt. Zwischen meiner aschkenasischen Familie und der sephardischen Familie meines Mannes hat es öfters gekracht. Am Ende bin ich nach Österreich zurückgekehrt.

»Was Lady Gaga kann, kann ich auch.«

Vor dem musikalischen Durchbruch warst du Wirtin deines eigenen Café.
❙ Ich war eine gute Wirtin, aber eine schlechte Geschäftsfrau – am Ende des Geldes war immer zu viel Monat. Nachdem ich pleite gegangen bin, habe ich begonnen, öffentlich aufzutreten und mich fünf Jahre lang durchgeschlagen. Dabei bin ich bühnengeil geworden und wurde auch erfolgreich. Bei den Konzerten habe ich immer dem Publikum gesagt: „Kauft’s meine Schallplatten, ich muss meine Schulden bezahlen!“ Und wenn jemand schon alle Schallplatten und Bänder gekauft hat, habe ich gefragt: „Und, hast du keine Freunde, denen du auch eine Platte schenken magst?“

So eine schlechte Geschäftsfrau warst du also scheinbar doch nicht. Was für Tipps würdest du heute angehenden Sängerinnen mitgeben?
❙ Gar keine – weil es eine andere Zeit ist. Heute läuft alles übers Internet, da kenne ich mich nicht aus. Ich war damals halt ein Typ und hatte einen Schmäh drauf. Ich habe mich auf der Bühne umgezogen, bin mit hundertzwanzig Kilo in der Korsage umadumgehupft. Wir hatten halt eine Gaudi. Inzwischen machen das die großen Stars. Lady Gaga zieht sich um, Pink zieht sich um …

Mit Drahdiwaberl hast du damals ziemlich gerockt. Heute sitzen wir im Café Landtmann. Wird man im Alter spießig?
❙ Wie ich bei Drahdiwaberl war, da waren ganz tolle Menschen dabei, die persifliert haben. Wir waren im Privatleben nicht so wie auf der Bühne. Das waren ganz normale Leute, teilweise blitzgescheit. Ich wäre auch damals ins Landtmann gegangen. Heute komme ich hierher, weil’s kommod ist – und weil ich immer einen Parkplatz finde.

Würdest du dich heute noch auf der Bühne umziehen?
❙ Warum nicht? Wir haben ja bald ein Revival. Und was die Lady Gaga kann, das kann ich auch.

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