Jüdisch, modisch, orthodox

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Ein Londoner Rabbi in Schneiderlehre, orthodoxe jüdische Frauen, die Modeblogs betreiben. Modische Aufbruchstimmung in der religiösen Szene. Von Esther Graf

Im Londoner Atelier Maurice Sedwell bei Andrew Ramroop, einem der weltbesten Maßanzugschneider, macht Yosel Tiefenbrunn eine Schneiderlehre. Außergewöhnlich, denn der Lehrling ist Rabbiner, wie der Journalist Daniel Zylbersztajn in der Jüdischen Allgemeinen herausfand.

Als bester Absolvent verließ Andrew Ramroop die Londoner Modeschule. Der Meister stammt ursprünglich aus Trinidad, absolvierte seine Ausbildung in einer Londoner Modeschule mit Auszeichung und wurde in seinem ersten Ausbildungsbetrieb ins Hinterstübchen zu Hilfsarbeiten angehalten. „Das lag wohl an meiner Hautfarbe.“ Die Situation änderte sich für Ramroop schnell, als er bei Maurice Sedwell zu arbeiten begann – der Anfang einer fast märchenhaften Erfolgsgeschichte. Heute gehört Ramroop zu den weltbesten Maßanzugsschneidern, ist Mehrheitsbesitzer des Ateliers Maurice Sedwell, wurde von der Königin mit einem Verdienstorden ausgezeichnet und führt den Professorentitel.

„Wir Juden müssen repräsentabel aussehen, denn wir tragen eine wichtige Botschaft.“ Yosel Tiefenbrunn

Gute Erfahrungen weitergeben!

Ramroops Erfahrungen kommen Rabbiner Yosel Tiefenbrunn zugute. „Mit seinem Bart, der Kippa und den Ansprüchen auf besondere Gebetszeiten hätten ihm viele Meister keine Chance gegeben. Aber bei mir steht der Mensch vor seiner Herkunft.“ Der 24-jährige Tiefenbrunn aus Londons chassidischem Viertel Stamford Hill ist ein eher ungewöhnlicher Lehrling. Der ausgebildete Chabad-Rabbiner war bereits als Rabbiner u. a. in Schanghai tätig. Zum Schneiderhandwerk zog ihn „die Liebe zum Design – und zu Ramroop die g-ttliche Vorsehung“. Orthodoxie und individuelle elegante Kleidung bilden für ihn keinen Widerspruch. Wichtig ist ihm nur, dass das religiöse Empfinden dabei nicht verletzt wird. Schick und Orthodox ist für Tiefenbrunn kein Wiederspruch. „Wir Juden müssen repräsentabel aussehen, denn wir tragen eine wichtige Botschaft“, sagt der Rabbiner. Bei so manchen Trends, bei denen gewisse religiöse Kleidungsstücke neu kreiert oder kombiniert werden, stößt Tiefenbrunn an seine Grenzen. So widerstrebt es ihm, Talliot in facettenreichen Farben und Formen zu designen, denn „schließlich ist es ein heiliges Objekt“.

Urban Orthodox.

Einige Modemacher sehen das anders. Wie Mexikos berühmtester, Ricardo Seco, der in seiner aktuellen Herbstkollektion Urban Orthodox eine gewagte Mischung aus „chassidisch und Hipster“ präsentiert. Seine Lederkippot ähneln Baseballkappen; zu schwarzen Mänteln, die man an religiösen Juden kennt, tragen die Models Chucks. Damit löst Seco ähnliche Kontroversen aus wie Jean Paul Gaultier einst mit seiner Kollektion Chosen People. Damals, 1993, schickte dieser Supermodels auf den Laufsteg, gekleidet wie ultraorthodoxe jüdische Männer. Quelle seiner Inspiration waren wie bei Seco gläubige New Yorker Juden: „Ich fand die orthodoxen jüdischen Männer so schön und elegant mit ihren Hüten und riesigen Mänteln, die im Wind flattern“, so Gaultier. Bis heute scheiden sich die Geister daran, ob Nichtjuden religiöse jüdische Kleidung entwerfen und mit Alltagskleidung kombinieren dürfen.

Trendy und religiös.

Unabhängig davon ist jedoch ein Trend zu beobachten, der besonders in den USA unter Orthodoxen bemerkbar ist. Hier herrscht regelrecht eine modische Aufbruchsstimmung, und die lautet: gläubig und schick.So die Botschaft der Anhänger und ihrer Fashionblogs. Auf dem Blog fashion-isha.com (Isha = hebr. Frau) der wohl berühmtesten orthodoxen Modebloggerin Sharon Langert finden orthodoxe Frauen Tipps, wie man angemessen religiös, bescheiden und dennoch trendy gekleidet ist. „Lange Zeit schon hatte ich keine Lust mehr, diese schwarzen Sackkleider zu tragen. Warum darf ich nicht schick gekleidet sein, wenn ich dabei die religiösen Regeln beachte? “, so Deborah Grünberg, eine orthodoxe Jüdin aus Brooklyn. Ähnliches beschreibt Sharon Langert: „Als ich ein kleines Mädchen war, träumte ich von einem glamourösen Leben, von Fashionshows und Partys in New York. Heute sind die meisten meiner Träume wahr geworden: Ich bin eine orthodoxe Jüdin und Mutter, die sich an die religiösen Regeln hält und trotzdem Mode, Glamour und Fun liebt.“

Ralph Lauren, Clavin Klein, Diane von Fürstenberg und Burberry sind die It-Marken bei orthodoxen Frauen. In Brooklyn greift man den Trend auf. Dort eröffnen gerade reihenweise Bekleidungsläden, die sich auf orthodoxe Frauen spezialisiert haben. Wie das Schwesternpaar Chaya Chanin und Simi Polonsky mit ihrem The Frock Swap. „Wir finden, dass Frauen sowohl die jüdischen Kleidungsregeln befolgen und trotzdem großartig aussehen können.“ Mit ihrer Ansicht läuft das Schwesternpaar längst bei vielen jungen orthodoxen Jüdinnen offene Türen ein. Mal sehen, wie lange es braucht, bis auch Europa vom neuen Trend ergriffen wird.
rabbitailor.tumblr.com
fashion-isha.com

© fashionista.com  © nyanzi.com

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