„Namhafteste Holocaust-Forscherin ihrer Generation“

Die Historikerin Michaela Raggam-Blesch wurde Mittwoch Abend im Wiener Rathaus mit dem Leon Zelman-Preis 2022 ausgezeichnet. Der Preis ist seitens der Stadt Wien mit 5.000 Euro dotiert und wird seit 2013 im Andenken an Zelman an Personen oder Initiativen vergeben, die sich aktiv für die Erinnerung an die Schoa einsetzen. Gewürdigt wird mit der Auszeichnung aber auch zivilgesellschaftliches Engagement, Eintreten gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

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Die Historikerin wurde mit dem Leon-Zelman-Preis ausgezeichnet. (©Daniel Murtagh)

Mit ihrer langjährigen Forschungs- und Vermittlungsarbeit trage die nun Ausgezeichnete wesentlich dazu bei, öffentliches Bewusstsein für die Schoa und ihre Folgen für die jüdische Bevölkerung zu schaffen, heißt es in der Begründung der Jury. Und weiter:

„Raggam-Blesch gibt durch ihre Oral History-Projekte wie durch die Erforschung jüdischer Frauenbiografien den Opfern der Schoa eine Stimme. Sie trägt damit wesentlich zum Dialog zwischen den Überlebenden der NS-Verfolgung, ihren Nachkommen und dem heutigen Österreich bei.“

Damit schaffe sie ein öffentliches Bewusstsein in Bezug auf die Schoa und deren Folgen für die jüdische Bevölkerung. In ihren Publikationen wie im Rahmen ihrer kuratorischen Tätigkeit für Ausstellungen mache sie deutlich sichtbar, „dass Entrechtung, Beraubung, Vertreibung und Verfolgung der Wiener Jüdinnen und Juden mitten in der Stadt und unter den Augen der Wiener Bevölkerung stattgefunden haben“. Sie verweise auf die großen Lücken, die durch die Zerstörung jüdischen Lebens in der Stadt und der Gesellschaft nach 1945 entstanden seien, so die Jury.

Laudatorin Heidemarie Uhl, selbst Historikerin, würdigte Raggam-Blesch als „die namhafteste Holocaust-Forscherin ihrer Generation in Österreich“. Diese junge engagierte Generation von Historikerin und Historikerinnen sei durch zwei Aspekte geprägt: einerseits die internationale Ausrichtung und Vernetzung ihrer Forschungstätigkeit, andererseits die Sozialisation in einem Land, das nach wie vor von den Erfahrungen der NS-Zeit geprägt sei. Uhl nutzte ihre Laudatio allerdings auch, um auf die Rahmenbedingungen dieser Art der Forschung hinzuweisen. „Nicht unerwähnt soll allerdings bleiben, dass die Lebensrealität durch prekäre Arbeitsverhältnisse und die Notwendigkeit, die Mittel für die eigene Forschung selbst einzuwerben, geprägt ist.“

Raggam-Blesch selbst begann ihre kurze Dankesrede mit einem Verweis auf das Datum der Preisverleihung: den 14. September. An diesem Tag vor 80 Jahren – am 14. September 1942 – habe vom Aspangbahnhof ein Zug mit 1.000 Personen in Richtung Maly Trostinec verlassen. Unter ihnen fanden sich 42 Mädchen aus dem jüdischen Mädchenheim in der Haasgasse und 33 Buben aus dem jüdischen Lehrlingsheim für Knaben in der Grünentorgasse.

Besonders erinnerte Raggam-Blesch dabei an das Schicksal von Erika Fischer, einem jüdischen Mädchen, das von nicht-jüdischen Pflegeeltern großgezogen wurde, die sich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1938 weigerten, das Kind den Behörden zu übergeben. Daran änderte auch der Entzug des Pflegegeldes nichts. Als man dem Vater, einem Straßenbahner, jedoch 1940 mit Entlassung drohte, gab das Paar den Widerstand auf. Erika Fischer sollte schließlich wie auch alle anderen mit dem Zug am 14. September 1942 Deportierten sofort nach der Ankunft in Maly Trostinec ermordet werden.

„Mir geht es in meiner Arbeit darum, die Menschen hinter den Zahlen sichtbar zu machen“, sagte die Historikerin. Die Verleihung des Leon Zelman-Preises sehe sie als Auftrag, sich in neuen Forschungs- und Dokumentationsprojekten weiterhin dieser Aufgabe zu widmen.

Publikationen:
Dieter J. Hecht, Eleonore Lappin-Eppel, Michaela Raggam-Blesch
TOPOGRAPHIE DER SHOAH
Gedächtnisorte des zerstörten jüdischen Wien
erschienen im Mandelbaum Verlag
Dieter J. Hecht, Michaela Raggam-Blesch, Heidemarie Uhl (Hg.)
LETZTE ORTE
Die Wiener Sammellager und die Deportationen 1941/42
erschienen im Mandelbaum Verlag

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