Religion für die nächste Generation

Roschel Ascherov, Obmann der bucharischen Jugendorganisation Jad Bejad, nimmt sein Judentum ernster als früher – und liegt damit im Trend.

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© Anna Goldenberg

Wiener jüdischer Buchare, die Reihenfolge ist wichtig. So antwortet Roschel Ascherov auf die Frage, wie er seine Identität beschreibt. Und man muss nicht lange mit Roschel sprechen, um zu erfassen, wie präsent diese drei Komponenten in seinem Leben sind.
Als erste und wichtigste: Wien. Hierher kamen seine Eltern, ursprünglich aus der ehemaligen Sowjetunion, nach einem mehrjährigen Zwischenstopp in Israel Anfang der 1980er-Jahre. Hier kam Roschel 1989 zur Welt. In seinem Pass und auf den Visitenkarten steht der Vorname Roman, „das ist einfacher für die Österreicher“. Aufgewachsen im zweiten und 22. Bezirk, empfängt er heute in seinem Büro in der Innenstadt. AIRA Development Group steht auf dem Türschild und den Kugelschreibern. Mit 21 hat er das Immobilienentwicklungsunternehmen gegründet, mit der Unterstützung seines Vaters das erste Projekt gekauft. Heute spezialisiert sich die Firma auf die Entwicklung von Neubauten. Der Verkauf, sagt Roschel, habe ihn schon immer interessiert, darin war er gut. In seiner Jugend verbrachte er schließlich viel Zeit am Brunnenmarkt, wo seine Eltern ein Geschäft hatten. Mit 15 wechselte Roschel die Schule, machte beim JBBZ eine Lehre zum Bürokaufmann und landete über Bekannte als Ferialpraktikant bei einer Immobilienfirma. „Die Branche hat mich fasziniert“, sagt er. Und sie erlaubt ihm, ein jüdisches Leben nach seinen Vorstellungen zu führen.

»Ich habe Angst, dass die Assimilation
stärker wird als die Integration.«

Zum Beispiel am Schabbat. Seit seiner Hochzeit vor sieben Jahren hält er den ein. Anfangs hätten sich seine nicht jüdischen Mitarbeiter gewundert, dass er 25 Stunden nicht erreichbar sei, aber, erzählt Roschel stolz, vergangenes Jahr habe ihm eine ehemalige Mitarbeiterin gesagt: „Du bist nicht trotz, sondern wegen Schabbat so erfolgreich.“ Dabei ist Roschel, der Kippa trägt und sich als „modern orthodox“ bezeichnet, gar nicht so religiös aufgewachsen. Der Vater musste samstags arbeiten, zuhause war die Küche zwar koscher, aber draußen wurde bei Roschel und seinen zwei Geschwistern auch mal „ein Auge zugedrückt“.
Heute nimmt Roschel das ernster. „Es ist weniger für uns als für unsere beiden Söhne“, sagt er. „Ich habe Angst, dass die Assimilation stärker wird als die Integration.“ Viele junge Familien in seinem Umfeld, der rund 3.000 Mitglieder großen bucharischen Gemeinde Wiens, tun es ihm gleich. Anders als die Elterngeneration, haben sie vielfach Berufe, die ihnen erlauben, den Schabbat und die Feiertage einzuhalten.
Seit rund 40 Jahren gibt es in Wien eine bucharische Gemeinde und Roschel ist mittendrin. Mit 15 Jahren kam er zur Jugendorganisation Jad Bejad, begann als Madrich und übernahm immer mehr Verantwortung. Mit 20 Jahren wurde er Obmann. Amtswege, Repräsentation nach außen, solche Sachen sind seitdem seine Aufgabe. Rund 200 Kinder und Jugendliche nehmen jedes Wochenende an den Aktivitäten teil. Noch dieses Jahr wird Roschel seinen Posten abgeben, nach einem Jahrzehnt „abschließen“, wie er es nennt. Aber Teil von ihm bleibt es trotzdem, er ist schließlich Wiener jüdischer Buchare.

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