Starke Frauen in der Wüste

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In Israel leben knapp 200.000 Beduinen, ein Großteil von ihnen im Süden des Landes, am Rande der Negev-Wüste. Andere haben ihre Zelte und Wellblechhütten in offiziell nicht anerkannten Ansiedlungen ohne öffentliche Dienstleistungen aufgeschlagen, ohne Strom und Kanalisation. Durch das Empowerment der Frauen soll nun die gesamte wirtschaftliche Situation des Nomadenvolks verbessert werden. Von Daniela Segenreich Horsky

Ein ebenerdiges Haus in Lakya, südlich von Beersheva: Stränge aus bunter Wolle hängen an den Wänden, Körbe voller Wollknäuel stehen auf Boden und Tischen. Die Schafwolle eignet sich für Teppiche, Kissen und Taschen gleich gut. Kamelwolle ist zu teuer geworden und wird nur noch für Dekorationen, wie Fransen und Quasten, verwendet. Die fettigere, härtere Ziegenwolle gibt, doppelt gewebt, ein vollkommen wasserdichtes Zeltdach ab. Die Beduinenfrauen beherrschen noch die traditionelle Webkunst und Stickerei, die seit Generationen weitergegeben wird. Doch die Arbeiterinnen im Sidreh Weaving Center im Beduinenstädtchen Lakya sind nicht wie ihre Mütter und Großmütter; sie wollen an den Erträgen mitverdienen und damit auch in der Familie mitentscheiden. „Wir beschäftigen Frauen aus der gesamten Umgebung, einige von ihnen färben, weben und verkaufen hier vorort, andere weben nach Bestellung zu Hause“, erklärt Khadra Alsanah, die Direktorin des Zentrums. „Sidreh ist der Name eines Baumes, der trotz des harten Klimas in der Wüste wächst – so wie wir: Wir sind trotz der harten Lebensbedingungen stark und können auch noch etwas von unserer Kraft weitergeben.“

Was ist Werbung?

Etwa 40 Prozent der Männer sind arbeitslos und nur zehn Prozent der Beduinenfrauen arbeiten auswärts, über zwei Drittel sind Analphabetinnen. Eine wichtige Aufgabe des Sidreh-Zentrums ist daher die Ausbildung. Neben Basiswissen wie Lesen und Schreiben können die Frauen hier auch lernen, wie man ein kleines Unternehmen aufbaut und vermarktet. „Ich habe hier selbst so viel gelernt, da-runter auch besseres Englisch und Marketing. Wir sind hier alle gewachsen und professioneller geworden und geben jetzt erstmals sogar eine Internetzeitung heraus“ – die redegewandte Direktorin und vierfache Mutter ist seit 1996 mit dabei und hat bereits einige internationale Preise für ihre Arbeit erhalten. Die handgewebten Zelte aus Ziegenwolle werden immer mehr von Wellblechhütten oder gemauerten Häusern abgelöst, doch dafür bestellen jetzt Luxushotels die dekorativen, von israelischen Designern dem Zeitgeschmack angepassten Heimtextilien, denn Sidreh wurde immer mehr zu einem marktorientierten Unternehmen. „Wir wussten anfangs gar nichts: Was ist Werbung? Was ist Design? Wie kommt man nach Tel Aviv?“, erinnert sich Alsanah. Heute werden die handgefertigten Produkte bis in die USA und Japan exportiert. Das Zentrum in Lakya wurde vor über zwanzig Jahren gegründet und war das erste seiner Art, das versuchte, die Beduinenfrauen durch Beschäftigung und Bildung zu stärken. Heute gibt es bereits viele andere Projekte mit dem selben Ziel, wie die Initiative eines großen israelischen Hühnerfleischproduzenten, durch die in diesem Jahr 400 Beduinenfrauen Arbeit fanden, oder die neuen Industrieparks bei den Beduinenstädten im Negev.

Mit weiblicher Klugheit

Für diese Entwicklung war auch ein Umdenken bei den Männern notwendig. Dass Frauen auswärts arbeiten war noch in den 80er- und 90er-Jahren in den meisten Familien undenkbar. Die wirtschaftliche Situation half mit, die patriarchalen Strukturen aufzubrechen. Dazu Alsanah: „Am Anfang waren die Männer dagegen, aber wir haben es mit weiblicher Klugheit geschafft, wir beziehen sie immer mit ein, rennen nie mit dem Kopf gegen die Wand.“

Auch dass Beduinen, ob Frauen oder Männer, auf die Universität gehen, war früher unüblich. 1998 gab es einen einzigen Beduinen auf der Ben-Gurion-Universität in der Wüstenstadt Beersheva. Heute studieren dort über 450 Studenten aus den Beduinendörfern und Städten der Umgebung, über 60 Prozent davon sind Frauen. Mittlerweile gibt es etwa zehn Ärztinnen aus den Beduinengemeinden. Das ist bei Weitem keine Selbstverständlichkeit, denn die Schulen in der Gegend sind eher provisorisch, in den Zelten und Wellblechhütten warten viele kleine Geschwister darauf, versorgt zu werden, und am Abend kann manchmal nur beim Schein einer Petroleumlampe gelernt werden. Das alles macht den Schulabschluss mit dem für das Universitätsstudium geforderten Notendurchschnitt nicht immer leicht.

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Das Robert Arnow Center zur Fortbildung der Beduinen im Negev will diese Nachteile ausgleichen und unterstützt potenzielle Studenten mit Vorbereitungskursen, Beratung und Förderung. „Die Frauen sind sehr stark, wir haben immer mehr Studentinnen; das geht so weit, dass wir versuchen, die Männer mehr zu pushen, damit es nicht zu Problemen kommt“; Dr. Salem Abu-Abot, der Direktor des Centers, beobachtet auch eine Veränderung in der Gesellschaft: „Es gibt weniger Einschränkungen und Vorschriften, was die Ehe betrifft. Junge Frauen können immer häufiger ihre Ehepartner selbst wählen und müssen nicht mehr innerhalb des Clans heiraten; sie wollen Teil des modernen Lebens sein und ihr eigenes Geld verdienen.“ Auch sieht Abu-Abot in den letzten Jahren einen starken Trend zum Studium in der palästinensischen Autonomie oder in Jordanien: „Viele israelische Araber, darunter auch viele Beduinen, wählen diesen Weg, weil die schweren Aufnahmetests wegfallen und auch islamische Fächer gelehrt werden.“

Auch Etaf A. hat die Universität in Amman gewählt. Sie kommt aus dem Städtchen Segev Shalom, ist im zweiten Jahr ihres Medizinstudiums und will später als Zahnärztin in ihrem Heimatort praktizieren. Sie teilt eine Studentenwohnung mit einigen Kolleginnen und genießt ihre Selbstständigkeit. Etaf ist eines von 12 Geschwistern, ihr Vater hat vier Frauen – Polygamie ist in der Beduinengesellschaft bis heute nicht ungewöhnlich. Was sagt die Familie dazu, dass sie studiert, noch dazu in einem anderen Land? „Mein Vater hat es verstanden. Meine Mutter hat selbst nur drei Schulklassen absolviert, sie will, dass ich studiere und es einmal besser habe als sie.“

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