„Der Verlag und die Galerie sind für viele Kunstschaffende ein Sprungbrett.“

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Batya Horn leitet seit 1990 den Verlag Edition Splitter, 1997 kam die Galerie Splitter Art dazu. In Jaffa geboren, zog sie als Dreijährige mit ihren Eltern nach Wien. Redaktion & Fotografie: Ronnie Niedermeyer

wina: Du betreibst einen Verlag und eine Galerie. Hast du manchmal das Gefühl, dass du zwischen zwei Stühlen sitzt?

Batya Horn: Überhaupt nicht! Ich finde, dass das ein Gesamtkunstwerk ist. In den sieben Anthologien, die ich veröffentlicht habe, vereinen sich bildende Kunst, Literatur, Wissenschaft und Musik. Ich habe den Namen „Splitter“ dafür gewählt, weil sich aus diesen vielen Teilen ein Ganzes ergibt. Mit dem Verlag habe ich 1990 begonnen. Später habe ich den größeren Nebenraum dazu genommen und zu einer Galerie umgebaut. Inzwischen sind sie unzertrennlich.

„Die Kontrolle zu be­halten ist mir wichtiger als Erholung.“

Wolltest du einmal selber künstlerisch tätig sein?

❙ Ursprünglich wollte ich an der Modeschule Hetzendorf den Lehrgang zur Modezeichnerin machen. Mein Vater hatte aber Sorge, dass mir auf dem langen Schulweg etwas zustößt. Ich war ein sehr behütetes Kind – und er war dominant. Ich habe also zuerst die Handelsschule gemacht, dann einen Posten im Außenministerium bekommen und anschließend an der österreichischen Botschaft in Tel Aviv gearbeitet. Ich wollte so weit wie möglich weg, sogar Australien war eine Überlegung.

Dennoch werden wir ein Leben lang immer auch von unserer Erziehung begleitet. Welchen Einfluss üben deine seligen Eltern heute noch auf dich aus?

❙ Mein Vater hat immer gesagt, nur die Harten kommen durch. Und das, was ich mache, war ja von Anfang an eine harte Geschichte. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich akzeptiert wurde – bis ich überhaupt wahrgenommen wurde. Ich bin immer stark geblieben und habe mir nichts gefallen lassen. Mit meiner Mutter konnte man alles machen, aber bei mir war das nicht so. Von ihr habe ich ein bisschen ein Helfersyndrom, möchte Gutes tun und Menschen helfen. Der Verlag und die Galerie sind ja für viele Kunstschaffende ein Sprungbrett, und sie schätzen mich dafür. Ich habe beispielsweise 1995 begonnen, das Gesamtwerk von Eugen Gomringer herauszubringen, der inzwischen sehr gefeiert wird. Ohne mein Tun wäre seine Arbeit womöglich in Vergessenheit geraten.

Du verwendest ein Alef als Logo. Ist die Edition Splitter ein jüdischer Verlag?

❙ Ich bin Jüdin und habe einiges an Judaika veröffentlicht. Ich haber aber auch die Schriften eines Ex-Jesuiten herausgebracht, Das Theater des Ritus, ein über tausendseitiges Standardwerk. Wenn heute ein Moslem mit einem tollen Manuskript zu mir käme, würde ich das auch publizieren. Es erscheinen viele nicht-religiöse Bände und auch Kinderbücher bei mir. Also die Frage, ob Splitter ein jüdischer Verlag ist, kann so einfach nicht beantwortet werden. Wenn ich einen roten Faden definieren müsste, der sich durch das gesamte Verlagsprogramm zieht, würde ich vielleicht eher die Ethik nennen.

Gibt es eine bestimmte Publikation, auf die du besonders stolz bist?

❙ Als Hommage an meine Mutter habe ich ein kleines Büchlein produziert, das ihre Aussprüche der letzten eineinhalb Jahre vor ihrem Tod beinhaltet. Sie hat immer so kluge Dinge gesagt, und so habe ich begonnen, mir diese zu notieren. Diese Aphorismen sind unter dem Titel Ich möchte durchbrennen in meine Welt erschienen, und es ist mein bestverkauftes Buch geworden. Das freut mich sehr, denn dadurch lebt sie weiter.

Du arbeitest die ganze Zeit wie besessen. Woher kommt diese Energie?

❙ In den letzten Jahren habe ich mich daran gewöhnt, nie eine wirklich entspannte Phase zu haben. Neben der Arbeit in der Galerie und im Verlag habe ich jahrelang ganz alleine meine Mutter gepflegt. Einen längeren Urlaub kann ich sowieso nicht machen, denn der ganze Betrieb steht und fällt mit mir. Wenn ich ein paar Monate weg bin, ist es vorbei. Ich habe schon viele Praktikanten ausprobiert und es war ein viel größerer Aufwand, sie einzuschulen und ihre Fehler zu korrigieren, als gleich ohne sie zu arbeiten. Lieber mache ich das alles alleine. Die Kontrolle zu behalten ist mir wichtiger als Erholung.

Kannst du dir vorstellen, dass jemand anderer den Verlag und die Galerie übernimmt, wenn du nicht mehr kannst?

❙ Das kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen, außer es würde die Linie weitergeführt werden, die ich seit 25 Jahren verfolge. Es müsste alles nach den Kriterien der Sinnhaftigkeit ausgesucht werden und nicht danach, ob es ein gutes Geschäft ist. Wie oft schon ist jemand gekommen und wollte mir Geld auf den Tisch legen, damit ich sein Buch veröffentliche. Aber wenn ich etwas mache, muss ich dazu stehen können. Sobald ich nichts mehr machen kann, möchte ich Splitter lieber zusperren. Aber so schnell gehe ich jedenfalls von hier nicht weg. Mit jedem Jahr fühle ich mich jünger – und solange ich diese Energie habe, kann ich ja nur zufrieden sein.

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