Wina Editorial

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Lasst euch diese bunte Stadt nicht von diesem Karl-Heinz [H. C. Strache] wegnehmen!“, rief Campino, Frontmann der Toten Hosen, den Hunderttausend beim Benefizkonzert für Flüchtlinge auf dem Wiener Heldenplatz zu. Ob die Stadt verloren ist, wissen Sie bereits, wenn Sie diese Zeilen lesen. Ob die Stadt an Buntheit verliert, liegt allerdings nicht nur in der Hand der Stadtverwaltung ‒ es liegt in unser aller Händen.

“Wenn Sie heute hier weggehen, nehmen Sie drei Dinge mit: Sie sind richtig viele, Sie alle zeigen Haltung, Sie können etwas verändern.” Michael Landau bei Voices for Refugees

Farbe zu bekennen und auf die Straße zu gehen, ist dabei nur eine der Möglichkeiten, diese Stadt, deren Namen wir nicht ohne Stolz im Titel tragen, bunter zu machen. Still mitzuhelfen, etwa Konten und Kleiderschränke nach Spendbarem zu durchforsten, ist eine andere Möglichkeit. Doch am wichtigsten ist es, uns selbst, unser Inneres zu durchforsten.

Wir alle haben Ressentiments, haben größere und kleinere Ängste ‒ auch wenn wir das nicht gerne zugeben. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe prägt unsere soziale Identität und grenzt uns von anderen ab. Nur besteht diese Abgrenzung oft darin, anderen mit Vorurteilen zu begegnen. Natürlich, auch ich habe meine Vorurteile und meine Ängste.

Auch ich habe eine nationale Zugehörigkeit und eine regionale Sozialisation, bin die Enkelin von Holocaustüberlebenden, bin geprägt von Erfahrungen in meinem Privatleben, meinem Aussehen und meinem Geschmack, fühle mich an vielen Orten dieser Welt wohl und bin vermutlich im Unterwegs am ehesten zuhause. Und selbst wenn ich es immer wieder versuchen auch mir fällt es schwer, mich nur einer Gruppe zugehörig zu fühlen, zu bunt sind die Erfahrungen meines Lebens und der Orte, an denen ich gelebt habe. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit Freude für diese Buntheit, für die Offenheit der Welt und gegen streng abgegrenzte Identitäten zu entscheiden.

Ja, wir haben alle unsere Ängste, Vorbehalte und Ressentiments. Doch ich weigere mich, mich von ihnen leiten, mir durch sie die Farben des Lebens stehlen zu lassen. Sie, liebe Leserin, lieber Leser, halten das auch so sonst hielten Sie dieses bunte Magazin nicht in Händen, das mit jeder Ausgabe den Spagat zu schaffen sucht zwischen Wien und der Welt, zwischen Religion und Lebensart, zwischen Politik und Kultur und vor allem: zwischen den Kulturen.

Hoffen will ich also zweierlei: dass die bunten Stadtschlüssel künftig nicht bloß dunkle Kellerverliese sperren. Und dass möglichst viele Menschen das Zukunftspotenzial erkennen, das in der derzeitigen humanitären Krise – auch  – steckt.

Julia Kaldori
Chefredaktion

Bild: © Christian Bruna / AP / picturedesk.com

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