„Jerusalems Altstadt ist der einzige Ort, an dem sich beide Völker ständig vermischen.“

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Markus Stephan St. Bugnyár leitet seit 2004 das österreichische Hospiz in Jerusalem. Als Rektor verantwortet er die Administration des Hauses, die Repräsentation nach außen und die Planung des kulturellen Angebots. Der studierte Theologe ist in Wien geboren. Redaktion & Fotografie: Ronnie Niedermeyer

WINA: Welche Funktion erfüllt das Österreichische Hospiz heute?

Markus Bugnyar: In erster Linie sind wir ein Gästehaus. Es wurde 1863 eröffnet, um Pilger aufzunehmen, zu betreuen und zu den Wallfahrtsstätten zu begleiten. Das bedeutete, Verantwortung zu übernehmen für Menschen, denen die Kultur und die Mentalität der Region fremd waren – und ihnen inmitten dieser Fremde ein Stück Heimat anzubieten. Da-raus hat sich auch der Auftrag ergeben, Kulturträger und Bildungseinrichtung zu sein. Heute bedeutet das, in Form von Ausstellungen, Buchpräsentationen und Konzerten Besuchern aus allen Kulturen und Religionen eine Plattform für Begegnung anzubieten.

„Jerusalem ist eine Sakrallandschaft, für manche sogar eine Berührungsreliquie.“ Markus Stephan St. Bugnyár

Inwieweit kann ein katholisch geführtes Haus Schnittstelle zwischen Juden und Muslimen sein?

❙ Die Altstadt liegt zwischen dem israelischen Westjerusalem und dem palästinensischen Ostjerusalem und ist der einzige Ort, an dem sich die beiden Völker ständig vermischen. In einer derart konfliktgeladenen Zone spielen sich Zusammenkünfte kaum vorurteilsfrei ab. Unsere Erfahrung zeigt aber, dass ein neutraler Raum wie unserer es den Menschen ermöglicht, einander viel freier zu begegnen, als wenn sie die Gastfreundschaft des anderen in Anspruch nehmen müssen und sich somit in ein Muster von Regeln und Verpflichtungen begeben. Dass wir von beiden Seiten als herrschaftsfreier Ort wahrgenommen werden, nutzen wir auch, um aktiv mit Interfaith-Gruppen zu arbeiten, die aus Muslimen, Juden und Christen bestehen.

Wie ist es möglich, äquidistant zu sein, ohne dabei unbeteiligt zu wirken?

❙ Meine Mitarbeiter und ich identifizieren uns mit jedem Projekt und versuchen, in unserer Kulturarbeit zahlenmäßig ausgewogen zu bleiben. Das reicht aber nicht immer: Manche Personen oder Gruppen wollen nicht nur einen Raum für ihre Veranstaltung haben, sondern das gesamte Anwesen auf Dauer für sich beanspruchen. Es sind schon einige Projekte gescheitert, weil Ansprechpartner daran Anstoß nahmen, dass auch andere Nationalitäten oder Religionen als die eigenen hier verkehren. Von ausländischen Institutionen wird es allzu oft erwartet, sich für die eine oder andere Seite zu „entscheiden“ – vor allem an einem so neuralgischen Ort wie der Altstadt. Und wenn man das tut, muss es gleich zu 200 % sein. Um vollständig akzeptiert zu werden, müssten wir also palästinensischer als die Palästinenser sein oder eben israelischer als die Israelis. Das würde vielleicht in Tel Aviv oder in Ramallah funktionieren, nicht aber im pluralistischen Jerusalem. Da wir neutral bleiben, wird es immer Leute geben, die uns deshalb als unbeteiligt empfinden. Wer aber das Zusammenleben der Völker akzeptiert, weiß auch unser persönliches Engagement zu schätzen.

Wie definierst du deine persönliche Aufgabe hier?

❙ Zum Glück gibt es keine Arbeitsbeschreibung für den Rektor des österreichischen Hospizes. Ich bin froh, dass keiner meiner Vorgänger die Einrichtung nutzte, um im Heiligen Land zu missionieren. Mein Ziel ist es, das Hospiz zu bewahren und sicherzustellen, dass es auch zukünftigen Generationen als „Heimat fern der Heimat“ erhalten bleibt. Dazu ist es notwendig, mit der Zeit zu gehen, aktuelle Bedürfnisse zu erkennen und zu bedienen und in manchen Situationen sogar zukunftsweisend zu sein.

Manchmal frage ich mich, wozu ich Theologie studiert habe, um ein Leben als Hoteldirektor zu führen. Wenn aber diese Aufgabe für einen Theologen irgendwo sinnvoll ist, dann hier. In jeder Gasse kann man sich vorstellen, Jesus von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Jerusalem ist eine Sakrallandschaft, für manche sogar eine Berührungsreliquie. An einem derartigen Ort Reisende zu beherbergen, erfordert eine ganz besondere Sensibilität.

Wolltest du schon immer Priester werden?

❙ Nein. Eine Zeit lang hatte ich den Gedanken, Geschichte- und Französisch-Lehrer zu werden, meine Lieblingsfächer an der Schule. Es gab aber immer auch die Überlegung, Theologie als Wissenschaft zu betreiben. Da ich die Einstellung „ganz oder gar nicht“ habe, landete ich konsequenterweise im Priesterseminar. Anfangs fand ich mich dort nicht zurecht und war ganz sicher unterfordert. Letztlich fiel die Entscheidung zur Priesterweihe in meinem Auslandsjahr. Wo? Natürlich in Jerusalem.

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