Frühling ist Pessach und Pessach das Fest der Freiheit – des Auszugs aus Ägypten, aus Mizrajim. Mizrajim bedeutet, wörtlich übersetzt, auch „Grenzen“ oder „Einschränkungen“. Damit ist nicht nur der physische Auszug aus der Sklaverei, den jede Jüdin und jeder Jude jährlich beim Pessachfest selbst erfährt, gemeint. Vor allem ist es auch ein Symbol für das Bestreben, innere Grenzen zu überschreiten, die Dunkelheit des Winters hinter sich zu lassen und in die wieder erblühte Natur hinauszutreten. Frei zu sein. Jedes Jahr fragen wir uns am Seder-Abend, was an diesem Tag anders ist, als an allen anderen Tagen. Und heuer hat diese Frage eine ganz besondere Bedeutung: Denn heuer feiern wir das Fest, das meist auch ein rauschendes Fest der Generationen ist, im engsten Kreis – manche von uns sogar alleine. Denn unser höchstes Gebot heißt heuer Social Distancing – unsere Liebe und Fürsorglichkeit zeigen wir derzeit, indem wir uns von jenen fernhalten, die wir lieben, von unseren Eltern, von unseren Verwandten und Freunden.
Heuer bleiben wir – nicht nur am Seder-Abend – unter uns und mit uns selbst, mit unseren Engsten: unseren Kindern, unseren Partnern und allen voran mit uns selbst.
Am Anfang der Distanzierung war alles fremd. Das Gefühl, wie nach einem Popkonzert ins Bett zu fallen, wenn alles wieder still um einen ist, während die Erinnerungssplitter der Bässe immer noch das Trommelfell beschlagen, war permanent. Erst in der Stille, in der „Isolation“ wird klar, in welchem Rausch der Sinne wir leben. Ein Rausch der Güter, der Erlebnisse, der äußeren Reize. Eine Dauerberieselung, die uns fortwährend fern hält von dem, was uns am nächsten ist, am nächsten sein sollte: von uns selbst. Fern vom Hineinhören, vom Begreifen, vom Auseinandersetzen mit dem Ich, mit den eigenen Wünschen und Träumen, mit den eigenen Ängsten, mit den eigenen Erinnerungen.
Wir eilen durch das Leben, wie der Märzhase im Wunderland, und merken nicht, dass wir dabei freiwillig unsere Freiheit aufgeben, unser eigenes Dasein – und damit auch das unserer Lieben – so zu gestalten, dass es der für uns beste aller möglichen Lebensentwürfe wird. Nicht fremdbestimmt, nicht eingeengt, nicht rastlos, sondern achtsam, wertvoll und nachhaltig.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?
Matthias Horx*

Zu Pessach brechen die Schranken der Zeit auf. Wir erzählen und erleben den Auszug, die Befreiung von Generation zu Generation, von Jahr zu Jahr immer wieder neu. Vielleicht gibt uns die akutelle kollektive Erfahrung mehr denn je die mögliche Antwort auch auf die Frage, wie wir unser Leben in Freiheit gestalten können. Vielleicht brauchen wir doch ein bisschen weniger Sinnesrausch und mehr Achtsamkeit, ein Stück weniger Stadt und ein wenig mehr Land, ein bisschen kleineres Ego und eine größere Menge Solidarität, ein bisschen weniger Zukunftvision und umso mehr Jetzt und Hier. Und vielleicht werden wir einmal, wenn all das vorbei ist, zurückblicken und diese Zeit des Social Distancing, der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entschleunigung als das sehen, was sie auch sein könnte: ein Auszug unserer Welt aus der Gefangenschaft.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine stille und schöne Zeit, ein frühlingshaftes Pessachfest und allem voran Gesundheit und Freude beim Lesen!

* aus Matthias Horx: Die Welt nach Corona auf https://www.horx.com/48-die-welt-nach-corona/

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