Raum geben zum Atmen

Wir Yoginis haben einen langen Atem. Warum? Weil wir uns so viel damit beschäftigen und uns täglich damit auseinandersetzen.

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Lisa Prutscher unterrichtet Yoga und arbeitet unter anderem als Ernährungstrainerin. Sie betreibt die Website »yogashelanu.com und unterrichtet »Yogastunden on- und offline.

Es geht uns in dieser Pandemie die Puste aus, und das ist ganz logisch. Dieses Coronajahr dauert schon zu lange, und der Winter hat uns ausgezehrt.
Um weiterhin in der Kraft zu sein – oder wieder in die Kraft zu kommen –, uns wohlzufühlen und alle Möglichkeiten zu sehen, die uns zur Verfügung stehen, können wir Yoga ausüben.
Yogis und Yoginis haben einen langen Atem. Warum? Weil wir uns so viel damit beschäftigen und uns täglich damit auseinandersetzen.

Eine kleine Übersetzung zur Atemluft:
Prana = Einatmung = aufsteigende Luft = Lebensenergie
Apana = Ausatmung = absteigende Luft = Loslassen

Wenn wir uns beim Atmen beobachten, merken wir rasch: Wir atmen meist zu flach aufsteigend. Das heißt, wir setzen uns wenig mit der absteigenden Atemluft auseinander. Jetzt kann uns unser Menschenverstand leicht erklären, woher Herzprobleme, Kopfschmerzen, ständiges Gedankenkreisen und dergleichen kommen, da all dies im oberen Körperbereich liegt.
Sobald wir uns in der Verlängerung der Ausatmung üben, können wir entspannter, bewusster und aufmerksamer durch das Leben gehen. So bekommt der Spruch „erst einmal tief durchatmen“ eine ganz neue Bedeutung mit noch etwas mehr Wissen dahinter.
Eine kleine Übung dazu: Zähle bis 4, wenn du einatmest, und verlängere die Ausatmung bis 5, 6, 7 oder sogar 8!
Einfach beginnen und üben.

Wir stehen derzeit vor jenem Moment, an dem Veränderung passieren darf, an dem wir erkennen dürfen, dass jeder Mensch Einfluss auf die Umgebung hat. Im Guten wie im Schlechten. Mit anderen Worten: Sobald wir positive Emotionen suchen und ihnen Platz schenken, kommen sie wie ein Echo wieder zu uns zurück.

Der Sinn des Daseins ist, an das Gute zu glauben, das große Ganze zu sehen und ins Tun zu kommen.

Wie oft hören wir zurzeit, dass es jetzt, nach über einem Jahr auf und ab, hin und her, hoch und runter, zu anstrengend wird und uns die Luft ausgeht, dass wir nicht mehr können? Dabei unterschätzen wir die menschlichen Fähigkeiten. Wie stark sind wir nach diesem Jahr der Pandemie geworden, mit so vielen Möglichkeiten, mit so vielen Türen, die wir öffnen können?
Und hinter jeder Türe gibt es eine weitere Türe.
Jüdinnen und Juden haben in ihrer langen Geschichte immer schon einen langen Atem bewiesen. Und dies auch wiederholt: Gerade erst haben wir Pessach gefeiert. Hätten damals die Menschen nur gejammert, wären sie nicht aus Ägypten und der Sklaverei herausgekommen und die Israeliten wären nicht befreit worden.
Heute meinen wir es nicht zu schaffen, weil wir „eingesperrt“ werden, weil wir uns zurückhalten sollen, was körperliche Nähe betrifft. Dabei haben wir so viel mehr Optionen, um Nähe zu schaffen, als in früheren Zeiten. Allein durch den technologischen Fortschritt können wir heute digital kommunizieren und andere Formen von Nähe im virtuellen Austausch schaffen. Das ist wunderbar und zugleich sehr riskant, denn zu viel Technologiekonsum verursacht im menschlichen Organismus Stress.
Darum empfehle ich bei aller Wichtigkeit, Nähe auch dann zu leben, wenn sie, wie zurzeit, andere Formen annehmen muss, dringend, auch technikfreie Phasen in unseren Lebensalltag einzubauen. Nehmen wir uns Zeit zum bewussten Abschalten des Medienkonsums! Und: Diese bewussten Pausen betreffen alle Medien, auch die täglichen Nachrichten.
Was wir hingegen viel öfter zur Hand nehmen können, ist ein ganz persönliches Kraftwerkzeug: die Nähe zur Natur! Kehren wir bewusst zu unserem Ursprung und unserem eigentlichen Sinn des Daseins zurück. Verringern wir den Medienkonsum. Und schaffen wir bewusst Raum für eigenverantwortliches Tun für uns und die gesamte Weltgemeinschaft!
Der Sinn des Daseins ist, an das Gute zu glauben, das große Ganze zu sehen und in das Tun zu kommen. In ein Tun, bei dem wir allem Platz geben, das uns wirklich wichtig ist, um so Raum für positive Veränderung auch für die kommenden Generationen zu schaffen. Nur so können auch diese, ebenso wie ich heute, zurückblicken und sagen: Wow, erinnerst du dich noch an meine Großmutter, die in der Coronazeit aufgestanden ist und sich völlig neu orientiert hat?
Erinnerst du dich, wie sich alle in Zurückhaltung geübt haben und gemeinsam dafür gesorgt haben, dass wir weiterhin (über)leben?
Und erinnerst du dich an das jüdische Volk, das wieder einmal einen langen Atem bewiesen hat?
Ich erinnere mich an meine Urgroßmutter, die mit zwei kleinen Kindern allein auf eine Reise gegangen ist und der die Atemluft immer erhalten geblieben ist, trotz all widriger Umstände. Nur durch ihren langen Atem bin ich heute als jüdische Yogini hier und sehr dankbar dafür.
Erinnern wir uns und glauben wir an unsere Stärke, wie viele Generationen vor uns, die mit weit weniger Ressourcen einen so langen Atem hatten und so vieles bewirkt haben!
Zum Abschluss ein paar Fragen, die jede*r für sich selbst bis zum nächsten Mal beantworten kann: Wo stehen wir dahinter? Woran glauben wir? Was wollen wir bewirken?

 

Bild: Oksana TaranUnsplash

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