Unter vier Augen

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David Kuczer arbeitet als Radioonkologe am Klinikum Wiener Neustadt. In seiner Wiener Praxis betreut er Krebspatienten umfassend,
von der Voruntersuchung bis zum Erhalten der Lebensqualität in ganz schwierigen Phasen. Text und Fotos: Reinhard Engel

Praxis Margareten. Das klingt nach vertrauter Nachbarschaft und kleiner Heimat, nach Hausbesuchen und Tratsch mit der Ordinationshilfe. „Ich bin ja selbst ganz in der Nähe aufgewachsen, im vierten Bezirk“, erzählt David Kuczer, der hier zwei Mal in der Woche am Abend ordiniert, wenn die meisten schon Büroschluss haben. „Niemand geht gern zum Arzt“, fügt er hinzu, „deshalb versuche ich die Termine so zu legen, dass man alles ohne Zeitdruck bei einer Tasse Kaffee unter vier Augen besprechen kann“.

Was seine Patienten hier mit ihm besprechen, ist deutlich intimer und lebensbedrohender als die grippalen Infekte oder Blutdruckprobleme, mit denen Allgemeinmediziner im täglichen Ordinationsleben zugedeckt werden.  Kuczer ist als Oberarzt am Landesklinikum Wiener Neustadt Radioonkologe, also für die Strahlentherapie von Krebspatienten zuständig. Und in seiner Praxis Margareten kümmert er sich um eben solche Fälle.

„Niemand geht gern zum Arzt, deshalb versuche ich die Termine so zu legen, dass man alles ohne Zeitdruck besprechen kann.“

„Die Behandlung einer Krebserkrankung führt nicht ein einziger Krebsfacharzt durch“, erklärt er. „Sie ist interdisziplinär.“ Wohl sind heute die Radioonkologen bei fast 40 Prozent aller Fälle im Einsatz, aber in modernen Spitälern befassen sich längst so genannte „Tumor Boards“ mit jedem einzelnen Patienten, das heißt Spezialisten der unterschiedlichsten Fächer, von Internisten bis Chirurgen, Neurologen, Dermatologen oder Urologen. Kuczer betont auch, dass er sich nicht anmaße, alle diese Disziplinen selbst abzudecken, aber er hat sich zum Ziel gesetzt, in seiner vor einem Jahr gegründeten Praxis Krebspatienten umfassend zu betreuen – mit einem sorgsam zusammengestellten Team und natürlich wenn nötig mit Zuweisung an den jeweils notwendigen Spezialisten.

Interdisziplinär

Es kann mit einer onkologischen Voruntersuchung beginnen, bei Menschen, die zwar nicht krank sind, aber in ihrer Familie mehrere Fälle einschlägiger Krebsfälle kennen. Zwei weitere Ärzte ordinieren in der Praxis Margareten an unterschiedlichen Tagen: ein Allgemeinmediziner, der auch Hausbesuche macht, und ein Neurologe, der hilft, wenn es bei bestimmten Tumoren zu Sprachstörungen, Schwindel oder epileptischen Anfällen kommt. Abgerundet werden die Leistungen mit einer Diätassistentin, einem Physiotherapeuten und einer Psychologin. Nicht alles zahlen die Kassen, aber meist einen Anteil.

Kuczer sieht seine erste Aufgabe darin, den Patienten die Möglichkeit zu geben zu verstehen, welche Art der Behandlung für sie oder ihn zur Verfügung steht, diese zu erklären und auch mögliche Alternativen aufzuzeigen. „Es gibt nicht immer nur einen einzigen Weg.“ Das kann auch eine qualifizierte zweite Meinung zum bereits behandelnden Arzt sein.

Chancen, Risiken und Therapiealternativen

„Ein Kollege an der Berliner Charité hat mir einmal gesagt: ‚Stell dir vor, diese Frau wäre deine Mutter.‘ Daran muss ich immer wieder denken, wenn mich jemand um Rat fragt. Ich glaube, es ist für einen Betroffenen sehr wichtig, dass er Bescheid weiß um Chancen, Risiken und Therapiealternativen, bevor er oder sie sich auf einen schweren Eingriff einlässt.“ Für die schwierigsten Phasen von Krebserkrankung organisiert Kuczer die so genannte „supportive Therapie“. Dabei geht es darum, gezielt die Lebensqualität zu erhalten, auch wenn keine Heilung mehr möglich ist – bis hin zu Hausbesuchen eines Schmerzspezialisten oder Physiotherapeuten.

Alte Familienfotos erinnern an die im Holocaust ermordeten Verwandten.
Alte Familienfotos erinnern an die im Holocaust ermordeten Verwandten.

Der Bezug zur Charité kommt nicht von ungefähr. Denn dort hat Kuczer nach seinem Medizinstudium in Wien den Facharzt gemacht, insgesamt lebte er sieben Jahre in Berlin, und seine Karriere schien dort schon vorgezeichnet. Doch dann wurde seine Frau schwanger, und die beiden beschlossen, nach Österreich zurückzukehren. Er nahm eine Stelle in Wiener Neustadt an, seine Frau, eine Juristin, arbeitet mittlerweile für ein Sozialpartnerprojekt am Sozialministerium. „Wiener Neustadt habe ich nicht zuletzt deshalb gewählt, weil dort das MedAustron-Projekt umgesetzt wird. Das soll, wenn alles gut geht, noch 2015 starten.“ Unter anderem wird dort Protonentherapie angeboten, mit der Kuczer schon in Deutschland zu tun hatte und die er bei manchen Patienten einsetzt, allerdings müssen diese noch an deutsche Kliniken weiterverwiesen werden.

Die sieben Jahre Fremde sind wenig im Vergleich mit jenen verschlungenen und gefährlichen Wegen, die seine Familie vor Jahrzehnten zurücklegen musste und die auch nicht alle überlebten. Auf einem alten Familienbild zeigt seine Mutter, wie viele im Holocaust ermordet wurden, sie selbst kam im fernen Usbekistan zur Welt, wohin ihre Eltern geflohen waren. Kuczers Großmutter stammte aus Riga, sein Großvater aus dem polnisch-ukrainischen Grenzgebiet. Er hat auch noch ein Foto eines Großonkels in der Uniform eines K.u.k.-Oberleutnants.

„Ein Kollege an der Berliner Charité hat mir einmal gesagt: ,Stell dir vor, diese Frau wäre deine Mutter.´“

Von Zentralasien zogen Kuczers Großeltern nach Israel, wo sie am Strand von Tel Aviv in einer primitiven Blechhütte wohnten. 1952 übersiedelten sie dann nach Wien, „Mein Großvater hat noch in der israelischen Armee gedient, aber insgesamt hat er sich nicht wohl gefühlt.“ In Wien lebte die Familie dann von einem Antiquitätengeschäft und einem für Damenmode und Wäsche, das auch heute noch existiert.

Kuczer möchte, dass seine jüdische Identität auch an die nächste Generation weitergegeben wird, selbst wenn seine beiden Töchter mit der Schwiegermutter Weihnachten feiern. „Die Ältere geht schon in Baden bei Wien in den jüdischen Religionsunterricht. Wer weiß, vielleicht gelingt es uns auch, einmal die Wiener Neustädter Gemeinde wiederzubeleben.“

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